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Einführung

Stefan Krüskempers Gestaltungen für die Zürich-Schule in Berlin-Neukölln

Die Anforderungen an den Kunst-am-Bau-Wettbewerb für die Zürich-Grundschule in Berlin-Neukölln waren hoch. Mit dem Kunstwerk sollte in dem von dem Architekten Klaus Petersen entwickelten Schulneubau etwas entstehen, das in seiner Gestaltung zeitgemäß ästhetisch ist und zudem partizipative Eigenschaften besitzt, also die SchülerInnen konkret an der Entstehung beteiligt.

Stefan Krüskempers Vorschlag überzeugte die Jury aufgrund einer besonderen formalen und konzeptuellen Klarheit. Sein Projekt sieht drei großformatige Reliefs aus golden eloxiertem Aluminium vor, die Umrisslinien von Kindern abbilden, die etwas gestalten und darstellen, gemeinsam eine Figur bilden und dabei bekannte Skulpturen imitieren. Diese Linienreliefs sind aus ein Zentimeter dickem Material gefertigt. Eine der Arbeiten befindet sich im Foyer der Schule, eine weitere in der Mensa, die dritte im Eingang zum Verwaltungsbereich. Die Orte werden von Schülern regelmäßig frequentiert, sodass Stefan Krüskempers Arbeiten in der neuen Schule äußerst präsent sind.

picSeine Gestaltung der Reliefs entwickelte Krüskemper zusammen mit den SchülerInnen einer fünften Klasse (acht bis zehn Jahre alt) während eines eintägigen Workshops in der Schule. Nachdem er den Kindern sein Vorhaben erklärt, auch über Kunst und den Beruf des Künstlers gesprochen hatte, begann er damit, sie spielerisch an das Thema heranzuführen. Er fragte danach, was eine Skulptur sei und zeigte den Kindern, dass jedes einzelne zu einer lebenden Skulptur werden kann, wenn es kurzzeitig wie erstarrt stehen bleibt, auch dass man dabei durchaus ein Tier nachstellen oder eine Gemütsbewegung ausdrücken kann – etwa Freude oder Angst. Danach legte der Künstler den Kindern Fotografien von unterschiedlichen Plastiken vor, die sich in Berlin befinden; so etwa figürliche Plastik des 19. Jahrhunderts, wie man sie am Märchenbrunnen im Park von Friedrichshain findet, aktuelle Figuration von Neo Rauch, Keith Haring oder Johan Lorbeer, wie auch gegenstandlose Skulpturen, etwa solche von Matschinsky-Denninghoff oder Volkmar Haase. Krüskemper entwickelte anschließend mit den Kindern inhaltliche Begriffe für die vorgestellten plastischen Arbeiten, wie etwa »Balance«, »Bewegung« oder »Durcheinander«, die deren inhaltliche Bedeutung oder Agens bezeichnen können. Damit gewannen die SchülerInnen ein eigenes Bild der Skulpturen und Vorstellungen für die weiteren Arbeitsschritte, die dahin führten, dass die Kinder die Skulpturen nach den Fotovorlagen nachstellten. Dabei wurde etwa jenes Problem, dass man eine bestimmte Höhe im Raum erreichen und anzeigen wollte, dadurch gelöst, dass einige Schüler auf Stühle kletterten. Der eigene Körper und einfache Hilfsmittel reichten aus, auch komplexe Formen nachzustellen. Diese lebenden Skulpturen projizierte Stefan Krüskemper mit einer starken Lampe als Schattenbilder auf einen weißen Hintergrund und ließ sie fotografisch festhalten. Damit endete der Workshop, der den Kindern großen Spaß bereitete.

Später suchte Stefan Krüskemper aus dem gewonnenen Fotomaterial die drei überzeugendsten Abbildungen aus, übersetzte sie in Lebensgröße und ließ die Umrisszeichnungen als Linienrelief in golden beschichtetem Aluminium anfertigen. Die so entwickelten Objekte zeigen die Nachstellungen, die von plastischen Arbeiten Volkmar Haases, Neo Rauchs und Johan Lorbeers herstammen und inspiriert sind. Die Vorlagen sind sowohl figürlich wie abstrakt. Auf die Herkunft der Reliefarbeiten verweist jeweils eine kleine am Relief angebrachte Tafel, die Künstlernamen sowie Titel des Vorbilds bezeichnet.

Stefan Krüskempers Projekt für die Zürich-Schule entstand in einem Werkprozess, der die Kinder ernstnahm und sie an der Gestaltung deutlich beteiligt hat. Damit ist eine Voraussetzung gegeben, dass sich die SchülerInnen von nun an mit den Darstellungen der Reliefs identifizieren, denn sie sind bei aller Abstraktion in diesen Arbeiten doch als Kinder zu erkennen, die – hier stellvertretend für alle Kinder der Schule – dargestellt wurden. Solche aktive Teilhabe trägt dazu bei, dass die Schüler die Zürich-Schule als ihre Schule begreifen werden und ein positives Verhältnis zur Umgebung und zum Lernen entwickeln können.

Mit der Struktur von Stefan Krüskempers Gestaltung, die Außenlinien und Binnendarstellungen gleichwertig behandelt, wird zudem eine neue Art des Sehens ermöglicht, bei dem der linearen Darstellung und den Zwischenflächen eine ähnlich hohe Bedeutung zugesprochen wird. Stefan Krüskempers Reliefarbeiten schulen also Wahrnehmung und Abstraktionsfähigkeit, wobei er in diesem All-over von Linien und Flächen eine geradezu gleichberechtigte, man kann sogar sagen demokratische Bedeutungsebene in seine Gestaltungen eingefügt hat.

 

   
 

Text Dr. Peter Funken  
© Copyright 2010 Stefan Krüskemper