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Prozess

 

Stefan Krüskemper Vielleicht. Aber noch einmal zurück zur Partizipation. Ich empfinde tatsächlich, dass partizipatorische Kunst in den 90ern anders war. Die Projektformulierung hat sich sehr gewandelt und ist viel ausdifferenzierter, weil sich herausgestellt hat, dass viele Herangehensweisen aus dieser Zeit überhaupt nicht funktioniert haben. Ich empfand die Ansätze oft ganz grundlegend als nicht richtig. Deshalb habe ich nur zurückhaltend partizipative Elemente in den Workshop aufgenommen und habe sie dann sehr behutsam benutzt.

Mir ist bei vielen Kunstprojekten anderer mulmig gewesen, wenn ich z. B. gesehen habe, dass Ergebnisse ohne Filter veröffentlicht wurden. Ergebnisse, die in ihrer Belanglosigkeit Künstler wie Teilnehmer bloßstellten. Insofern war für mich ganz klar, dass ich mir die Freiheit nehmen würde, die Ergebnisse des Workshops künstlerisch zu bearbeiten, damit die spätere Installation die Qualität erhält, die ich als stimmig empfinde. Es fällt ja auch auf alle Teilnehmer positiv zurück, wenn die Qualität stimmt.

María Linares Vielleicht sollte man sich von einem Begriff wie »Partizipation« überhaupt distanzieren? Vielleicht geht es nur darum, ein Teil von etwas zu werden?

Stefan Krüskemper Ich empfinde den Begriff »integrativ« für mich persönlich als sehr stimmig. Integrative Kunst beschreibt ja unter anderem den Wunsch, dass die Künste in die Gesellschaft integriert sein sollten. Oder andersherum, dass sich Kunstprojekte für eine multiple Autorenschaft in die Gesellschaft öffnen.

Damit ist dann natürlich auch verbunden, dass sich integrative Kunst durch Partizipation unvorhersehbar verändern kann. Dazu kommt, dass zum Beispiel bei meinem Projekt durch die Beteiligung der Kinder und deren Bereitschaft, im Prozess mitzuwirken, erst so etwas wie Identitätsbildung für diesen Ort entstehen konnte. Diese Identität, die sich mit dem neu entstandenen Ort verbindet, wird sicherlich Schülergenerationen überdauern, weil die Kinder wissen: Hier waren unsere Vorgänger beteiligt. Das ist ein wichtiger Punkt für ein Kunst-am-Bau-Projekt.

María Linares Das habe ich auch bei meinen eigenen Projekten bemerkt. Je mehr man die Leute in einem Projekt zu Wort kommen lässt, umso mehr verbinden sie sich damit und machen das Projekt zu ihrem. Und das bedeutet nicht, dass man als Künstlerin im Prozess keine Rolle spielt. Im Gegenteil.

Stefan Krüskemper Die Aufgabe in meinem Workshop war ja, Berliner Skulpturen nachzuspüren und sie gemeinsam nachzustellen. Als Künstler hatte ich im Vorfeld auch tausend Ideen, wie man etwas umsetzen könnte. Aber natürlich haben es die Kinder dann anders gemacht. Da dachte ich zunächst, oh, wie schade, das hätte ich mir so und so toll vorgestellt. Aber wenn man auf den zweiten Blick genauer guckt, ist es eben auch ganz wunderbar, wie sie es gemacht haben. Die Kinder haben eben eine eigene Art und eine andere Logik. Und das ist richtig so.

María Linares Ich kenne solche Kommentare: »Ihre Arbeit ist nicht so geworden, wie sie ursprünglich gesagt hatten«. Es ist aber falsch, zu erwarten, dass die Teilnehmer exakt das machen, was man selbst will. Wenn man keinen freien Raum und keine Lücken lässt und alles vorschreibt, dann macht man ein Projekt hermetisch und verhindert vieles von dem, was man sich doch eigentlich gewünscht hatte.

 

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Ausschnitt aus einem Gespräch zwischen Maria Linares und Stefan Krüskemper  
© Copyright 2010 Stefan Krüskemper