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Prozess

 

Stefan Krüskemper Das stimmt schon, aber man muss auch darauf achten, dass es bei der künstlerischen Linie bleibt, die man sich vorgestellt hat. Ich musste bei meinem Workshop etwa darauf achten, dass die Mädchen nicht in bestimmte Posen rutschen, die sie aus den Medien kennen. Es gab immer den spürbaren Wunsch, wie Britney Spears oder so jemand zu sein. Diesem Wunsch habe ich sie auch immer mal wieder für Momente nachgehen lassen. Vorgefertigte und einstudierte Posen, die verhindern, sich selbst auszudrücken oder sich selbst zu entdecken, waren ja genau das, was ich nicht gesucht habe. Mir ging es um den emanzipatorischen Moment, der darin besteht, sich selbst zu vertrauen.

Popstar- oder Model-Sein ist ein unglaublich starkes Medienbild. Insofern war ich froh, dass ich mich in meinem Workshop dazu entschieden hatte, die Kunst als eine fremde und unbekannte Anregung zu benutzen.

María Linares Ist das gelungen?

Stefan Krüskemper Ja. Hätte ich von Anfang an die Möglichkeit geboten, sich eigene Inhalte und Skulpturen ohne die Vorbilder der Kunst auszudenken, wäre dieser Workshop vielleicht nicht geglückt.

María Linares Du hast die Vorbilder aus den Medien sozusagen durch etwas den Kindern Unvertrautes ersetzt. Zuerst hast du die Kunstwerke nachstellen lassen. Gegen Ende deines Workshops haben dann alle zusammen so etwas Freies wie eine »Mensa« aufgestellt, wie du mir erzählt hast. Also ganz frei in der Form und für den Ort. Der Umweg über die Kunstvorbilder hat dazu geführt, dass die Kinder zu eigenen Ideen gefunden haben.

Stefan Krüskemper Ja, das kann man sagen. Die Gruppe war natürlich heterogen und irgendwann waren die Energien auch verbraucht, aber insgesamt hat es sehr gut funktioniert. In diesem Ansatz ist wirklich Potential drin, das ich gerne weiter erforschen möchte. Das sehe ich in Verbindung zu meiner künstlerischen Arbeit zum Thema »Aufstellung«, wo es ebenfalls um Körperempfinden und Wahrnehmung geht. Zum Beispiel habe ich in der Heinrich Böll Stiftung einen Workshop zu Beuys gemacht. Da zerlege ich eine Fragestellung aus dem Feld der Kunst in ihre Elemente und stelle diese Aspekte der Frage in den Raum. Das ist eine besondere Form des Diskurses, der ganz direkt auf Körperwahrnehmungen basiert.

Und hier an der Zürich-Schule ging es mir letztlich auch darum, einen Raum aufzuzeigen, ihn aufzuspannen und dann offenzuhalten. Einen Raum der Möglichkeiten, in dem man eigene Impulse ernstnimmt und ihnen folgt, nichts marginalisiert und zunächst Unverständliches zulässt. Ich denke sowieso mit dem Knie, um das Zitat noch einmal zu nennen. Ein toller emanzipatorischer Gedanke, der Denken so weit fasst, dass dies auch einschließt, seinen körperlichen und imaginativen Impulsen zu lauschen und sie sichtbar zu machen. Ich denke, genau hier ist man ganz nah dran an der Urquelle des Schöpferischen …

 

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Ausschnitt aus einem Gespräch zwischen Maria Linares und Stefan Krüskemper  
© Copyright 2010 Stefan Krüskemper